22nd Jul2014

Und täglich kämpft der Schreiberling

by miriampharo01

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War das Autorenleben früher leichter? Zumindest anders, wenn man es romantisiert: Man zog sich in seine Bibliothek zurück, hämmerte wild auf der Schreibmaschine herum, die rutschende Brille immer wieder nach oben schiebend, und ließ sich vom fürsorglichen Ehepartner Tee und Sandwiches hereinbringen, damit man vor lauter Inspiration nicht verhungerte. Zumindest nicht, bevor das neue Jahrhundertwerk fertig war. Dann hat man einen Verlag gesucht, und der übernahm den Rest. Noch ein paar Lesetouren, hier und da ein Interview, dann durfte man sich wieder in sein Schneckenhäuschen zurückziehen. Herrlich!

Scheißwerwölfe!

Heute ist das Leben als Autor ein einziger Kampf! Nicht nur ein Kampf um die zündende Idee, das passende Wort oder den richtigen Verlag. Dieser Kampf ist vielmehr ein allumfassendes, sich täglich wiederholendes Ritual. An erster Stelle steht der Kampf um die Gunst des Lesers, denn – wer hätte das gedacht – der Leser reißt einem die Bücher nicht automatisch aus der Hand, obwohl sie ganz offensichtlich von kaum zu überbietender Genialität sind. Schon gar nicht, wenn sie nicht von Schönlingen mit Reißzähnen und exorbitant starker Körperbehaarung handeln oder vom naivem Dummchen, das sich vom triebgesteuerten Milliardär flachlegen lässt samt den Nachahmern und den Nachahmern der Nachahmer. Schlechtes Deutsch, Rechtschreibfehler, wilde Kommaregeln, alberne Dialoge … Stört offenbar niemanden. Und so geht der Kampf weiter. Diesmal gegen die aufkeimende Verbitterung, und ja, Neid schwingt auch mit. Da darf man ruhig ehrlich sein. Sich deshalb verbiegen? Das Genre wechseln? Niemals! Ich bin doch kein Auftragsschreiber! Pech für mich, da muss ich halt weiterkämpfen.

Scheißranking!

Dann wäre da noch der Kampf gegen die Uhr. Ohne soziale Netzwerke geht heute nichts mehr, sagt man doch. Also ist Autor bei Facebook, Twitter, Google + und Co. angemeldet und gibt fleißig seinen Senf ab. Bis zu einem gewissen Punkt macht es Spaß, doch irgendwann werden die sozialen Netzwerke zur Geißel, denn das, worauf es ankommt, das Schreiben, gerät immer mehr ins Hintertreffen. Schließlich hat der Tag nur 24 Stunden. Und weil manche Autoren offenbar nicht genug Kämpfe auszufechten haben, prügeln sie aufeinander ein. Selfpublisher wettern gegen die etablierte Buchbranche, während diese krampfartig versucht, nicht hinzugucken, letztlich aber doch hinschauen muss, um sich dann schaudernd abzuwenden. Wie bei einem Unfall!

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Ach so, für alle, die nicht wissen, was Selfpublisher sind: So werden Autoren genannt, die ohne Verlage in Eigenregie publizieren. Das kann verschiedene Gründe haben. Die einen haben keinen Verlag für ihr Buch gefunden, die anderen wollen unabhängig bleiben. Wie überall kommt dabei Gutes, aber auch Grottiges heraus. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht weiter dazu äußern, das Thema wird zurzeit eh totdiskutiert. Nur eines: Ich selbst fahre zweigleisig. Der Großteil meiner Romane und Kurzgeschichten erscheint bei klassischen Verlagen, meine ISAR 2066-Reihe veröffentliche ich als Selfpublisher, weil ich mich wie in einem Bällebad so richtig austoben kann!

Als ob es nicht reichen würde, immerzu bei Facebook und Co. herumzuhängen, sind die Seiten von amazon- und/oder Novelrank Dauergäste in heutigen Schreibstuben. Schließlich will man stündlich, nein, minütlich erfahren, wie sehr man geliebt wird – und ob sich das Schreiben rechnet. Wenn es danach geht, tut es das nicht. Warum? Weil man sich durch diesen Quatsch immer weiter von seiner eigentlichen Berufung entfernt: Geschichten erzählen, die so vielleicht noch nie erzählt worden sind.

Last but not least: Scheißtechnik!

Zur Krönung des Ganzen gesellt sich noch der Kampf mit der Technik dazu. Weil irgendwelche Plugins über Nacht entschieden haben querzuschießen, gähnt auf der eigenen – liebevoll in hunderten von Stunden gepflegten – Autorenseite oder auf dem Blog nur noch weiße Leere. Ist es vielleicht ein Zeichen? Will mir mein Computer, mein Schicksal damit etwas sagen? Oder um es mit den Worten meiner ehemaligen Chefredakteurin auszudrücken: Es gibt nichts Inspirierendes als ein weißes Blatt Papier.

Irgendwo müsste ich noch eine alte Schreibmaschine rumliegen haben …

 * Ich weiß, ich weiß … Schreiberling ist ein abwertender Begriff, klingt in dem Fall aber besser.

Vielleicht interessieren dich auch die Exklusivinterviews mit den Bestsellerautoren Andreas Eschbach und Kai Meyer.

08th Jul2014

Operation Cheesestorm – Interview mit Autor Mani D. Bädle

by miriampharo01

IMG_1074Sprechende Stofftiere, eine Terrorgruppe namens Al Qaselza und warum es schön ist, in der Swiz … äh … Schweiz zu leben

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01st Jul2014

Interview mit Kai Meyer

by miriampharo01
Kai Meyer, Autor In Amorbach

Kay Meyer (c) Gaby Gerster

„An Schreibblockaden glaube ich nur bedingt.“

Mit mehreren Millionen verkauften Exemplaren weltweit gilt Kai Meyer als einer der erfolgreichsten deutschen Fantastikautoren. (mehr …)

10th Jun2014

„Exotische Welten“ aus dem Verlag O’Connell Press

by miriampharo01

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Im Oktober letzten Jahres gründete das Autorenehepaar Susanne und Sean O’Connell den Phantastik-Verlag O’Connell Press. (mehr …)

20th Nov2013

Ein Abend mit Stephen King

by miriampharo01
Stephen King im Circus Krone 2013 © Miriam Pharo

Stephen King im Circus Krone 2013 © Miriam Pharo

Wie mag der Mensch hinter dem Schriftsteller gestrickt sein, der seine Figuren überfährt, verbrennt, zerhackt, aussaugt, zerfleischt, ersticht oder in den Wahnsinn treibt? (mehr …)

28th Jul2013

Ist das Rätsel des Voynich-Manuskripts gelöst?

by miriampharo01
© General Collection, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University

© General Collection, Beinecke Rare Book and Manuscript Library, Yale University

Seit Jahrhunderten scheitern Forscher am Voynich-Manuskript aus dem Mittelalter. Keiner kann es entziffern. Niemand kennt die Sprache. Doch jetzt gibt es neue Erkenntnisse! (mehr …)

04th Jul2013

Interview mit Ingolf Lück und Dierk Gewesen

by miriampharo01

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„Ich bin verdammt gut im Bett … sogar alleine.“

Mein Herz schlägt für die Hamburger Bullen von morgen. An erster Stelle steht natürlich Elias Kosloff – wer will mir das verdenken? – doch knapp dahinter kommt Kommissar Dierk Gewesen, seineszeichen Chef der Abteilung zur holistischen Durchleuchtung extrem seltsamer Delikte, einer Sondereinheit der Polizei Hamburg. Der knallharte Bulle mit den Starsky and Hutch-Allüren (samt Koteletten und Dodge Challenger) gibt sich nicht mit Pille Palle wie Mord oder Hehlerei ab. Damit er morgens aufsteht, muss es schon ein durchgeknallter Superschurke sein, der mitten in Hamburg ein Loch durch die Erde buddeln will!

Ihr ahnt es schon: Dierk Gewesen ist der Held eines Romans, genau gesagt einer Romanreihe. Wie meine Hanseapolis-Romane spielen die Geschichten im Hamburg der Zukunft. Klar, dass mich das Thema interessiert.

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„Dierk Gewesen und die Glorreichen Sechs“ lautet der erste Band der Reihe, den ich bereits gelesen und für sehr unterhaltsam befunden habe. Auch wenn Dierk Gewesen der totale Macho ist. Und diese Sprüche … Typisch Seventies Style! Letzten Freitag fand in der Alten Kantine in Berlin ein Live-Hörspiel von „Dierk Gewesen und die Glorreichen Sechs“ statt. Rund 150 Leute waren gekommen, um Ingolf Lück in der Hauptrolle zu erleben. Mit auf der Bühne waren bekannte Schauspieler und Hörbuchsprecher wie Katrin Fröhlich, Oliver Rohrbeck und Rainer Fritzsche. Autor Christian Gailus war begeistert: „Es war ein sehr netter Abend, tolle Sprecher und ein enthusiastisches Publikum. Hat wirklich Spaß gemacht!“ Ich wollte mehr wissen und bat Ingolf und Dierk um ein kleines Interview. Schön übrigens, wie elegant beide das Thema „Mutter“ umschifft haben …

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Lisa Laux (c) Lauscherlounge

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Lisa Laux (c) Lauscherlounge

 

 

Ingolf Lück mimt den großmäuligen Bullen mit Hang zu filmreifen Auftritten. Wie ist es dazu gekommen?

Ingolf: Die Lauscherlouge hat das Potential dieses – wie es im offiziellen Anschreiben hieß – „Jahrhundertwerkes der anspruchsvollen Unterhaltung (…) da wo I und U zu immerwährender Symbiose verschmelzen“ erkannt und suchte nach einem adäquaten Darsteller.

Dierk: Die haben mich gefragt, ob ich ´ne Idee hätte, wer mich spielen kann. Da hab ich gesagt, da kommt nur einer in Frage.

Ingolf: Bruce Willis hatte keine Zeit, aber ich hab sofort zugesagt.

 

Ein Live-Hörspiel ist so etwas wie eine Mischung aus Lesung und Theaterstück. Wie bereitet man sich auf einen solchen Auftritt vor?

Ingolf: Indem man das Buch auswendig lernt natürlich. Sind ja nur 320 Seiten. Wie konnte ich ahnen, dass die Kollegen allesamt ablesen!

Dierk: Also ich hab mich überhaupt nicht vorbereitet. Und geschadet hat´s auch nicht. Allerdings musste ich auch gar nicht auf die Bühne – was mich dann doch irgendwie gewundert hat. Aber meine Ma hat schon früher immer gesagt: Auf Künstlerpack kannste dich nich verlassen.

 

Ist da noch Platz für Improvisation?

Ingolf: Nein, Platz ist eigentlich absolut keiner!

Dierk: Außerdem hätte ich solche Sauereien nicht durchgehen lassen – war schließlich früher bei der Sitte.

Ingolf: Nur hat sich niemand an die Abmachung gehalten. Weder Cameron Diaz noch Ben Stiller oder George Clooney – und schon gar nicht ihre deutschen Stimmen.

Dierk: War schon verdammt eng alles, in der Alten Kantine. Und als dann auch noch Publikum reinwollte … Junge, junge.

 

Hand aufs Herz: Was ist Dierks Erfolgsgeheimnis bei Frauen? Seine Koteletten, seine coolen Sprüche oder die dicke Knarre?

Ingolf: Keine Ahnung.

Dierk: Nun komm schon, Ingolf. Sags ihr!

Ingolf: Ich kann nur von mir ausgehen, und ich bin verdammt gut im Bett … sogar alleine.

Dierk: Ich war auch mal alleine im Bett. War echt öde. Hab den ganzen Abend Erdnüsse geknabbert und den Goldfischen beim Balzen zugesehen. War seitdem nie wieder da. Hab gehört, mittlerweile hätten die den Laden dicht gemacht. Ich mein, wer nennt seine Kneipe auch schon im Bett?

 

Ihr beide seid harte Burschen: Ingolf, du hast bei dem Stück „Traumfrau Mutter“ zweimal Regie geführt. Dierk, du widmest deine Abenteuer deiner „Mami“. Was sollen wir davon halten?

Ingolf: Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Dierk: Mami ist die Abkürzung für Maximal-Miniaturen – eine Erfindung des Tüftlers Heiko Yashahashish. Es geht um die Konstruktion größtmöglicher Abhörgeräte auf Basis eines einzelnen Atoms. Das Problem bei Atomen ist ja: sie sind sauklein. Und als Abhörgeräte kaum zu handlen. Yashahashish hat eine Methode gefunden, Atome auf Fußballgröße aufzublähen. So lassen sich die Dinger prima in einem Einkaufsnetz transportieren. Auch das Verstecken ist easy, zum Beispiel im Kühlschrank oder unterm Teppich.

 

Dürfen wir uns auf weitere gemeinsame Projekte von euch freuen?

Ingolf: Alles, was dem Kampf gegen die Langweile dient, ist uns recht! Notfalls sogar ein weiteres gemeinsames Projekt.

Dierk: Unser nächstes Projekt hat nur insofern was mit Langeweile zu tun, als es auf Langerooge stattfinden soll. So ´ne Art Rekordversuch im Langsamlesen. Fürs Guinnessbuch. Ingolf will versuchen, mein Buch so langsam vorzulesen, dass es länger dauert als eine Lesung der Bibel durch Dieter Thomas Heck. Und ich soll dazu irgend ´ne Tanzperformance oder so machen. Aber alles steht und fällt mit der Manipulierbarkeit der Erdgravitation. Denn das Projekt soll auf jeden Fall am Strand stattfinden, und da wir nicht nass werden wollen, müssen für den Zeitraum der Veranstaltung Ebbe und Flut aufgehoben werden. Knifflig.

 

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses kleine Interview genommen habt. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg bei eurem Kampf gegen die Langeweile!

Ingolf: Ich danke auch :-)

Dierk: Ich denke nicht.

 

Ingolf Lück

Dierk Gewesen

Autor Christian Gailus

Lauscherlounge

 

Hier geht’s zum Interview mit Tommy Krappweis – Grimme-Preisträger und Erfinder von Bernd das Brot.

 

 

 

 

 

09th Apr2013

Interview mit Andreas Eschbach

by miriampharo01
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Foto © 2011 Marianne Eschbach

„Ich werte mein Buch als Erfolg, wenn …“

Auf den Mainstream pfeifen, vielschichtige Science-Fiction verfassen und dabei erfolgreich sein: Andreas Eschbach ist dieses Meisterstück gelungen. (mehr …)

28th Mrz2013

Fear gewinnt

by miriampharo01

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Das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Angst?

Zwei Weltkriege, Hungersnöte, Genozide, der Kalte Krieg … War das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Angst? Glaubt man britischen Linguisten der University of Bristol, sieht es ganz danach aus. Die Forscher haben englischsprachige Literatur des letzten Jahrhunderts analysiert und festgestellt, dass die Häufigkeit von Vokabeln, die Freude oder Wut transportieren, in diesem Zeitraum abgenommen haben. Ein Gefühlszustand allerdings bildet die Ausnahme:  Angst. Ausgerechnet! „Studien zur Wortverwendung in Texten können einen Zugang zu den alltäglichen Einstellungen der Masse bieten, den die etablierte Geschichts- und Politikwissenschaft übersehen können“, sagt Alberto Acerbi von der University of Bristol. Bei ihren Forschungen konzentrierten sich Acerbi und sein Team auf sechs verschiedene Stimmungskategorien: Wut, Abneigung, Angst, Freude, Überraschung, Traurigkeit.

Forschungsobjekte: mehr als fünf Millionen digital gescannte Bücher

Um eine repräsentative Menge an amerikanischer und britischer Literatur der vergangenen 100 Jahre filtern zu können, nutzten die Wissenschaftler den Ngram-Datensatz von Google. Diese Datenbank aus mehr als fünf Millionen digital gescannten Büchern stellt rund vier Prozent sämtlicher Werke aus mehreren Jahrhunderten dar. Was nicht wirklich überrascht: Die Häufigkeit emotional positiv oder negativ belegter Begriffe lässt sich an äußeren Gegebenheiten messen. So wurden in den Zwanziger und Sechziger Jahren Wörter der Freude häufiger verwendet, während Traurigkeit gerade zur Zeit des Zweiten Weltkriegs häufiger vorkam. Verblüffender hingegen ist, dass Gefühlswörter, die Angst beschreiben, seit den Siebziger Jahren wieder ansteigen – und zwar bis ins 21. Jahrhundert hinein. Die Frage ist, warum ist das so? In einer Zeit, in der Sicherheit eine immer größere Rolle spielt. Werden wir immer neurotischer? Rührt daher unsere Zukunftsangst? Auch wenn sich die Forscher nur die englischsprachige Literatur angesehen haben, könnte ich mir vorstellen, dass es auch in der deutschen Literatur und damit in der deutschen Gesellschaft ähnliche Tendenzen gibt. Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren. Hand hoch, wer Zeit und Lust hat, Millionen deutschsprachiger Bücher zu analysieren!

Quellen:
“The Expression of Emotions in 20th Century Books“, Alberto Acerbi et al.; Plos One, DOI: 10.1371/journal.pone.0059030

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