01st Jul2014

Interview mit Kai Meyer

by miriampharo01
Kai Meyer, Autor In Amorbach

Kay Meyer (c) Gaby Gerster

„An Schreibblockaden glaube ich nur bedingt.“

Mit mehreren Millionen verkauften Exemplaren weltweit gilt Kai Meyer als einer der erfolgreichsten deutschen Fantastikautoren. Die nationale und internationale Presse überschlägt sich, wenn es um ihn und seine Bücher geht. „Eines der großen deutschen Erzähltalente“, jubelt Der Spiegel. „Erfrischend und sehr europäisch“, sinniert die New York Times. „Der deutsche Fantasy-Exportschlager“, tönt die BILD. Aber nicht nur sie, auch die Leser sind begeistert, ach was sage ich: verzaubert!

Ganz gleich, ob er Menschen über Wasser gehen lässt, wilde Verfolgungsjagden auf dem fliegenden Teppich inszeniert oder mit Rosa und Alessandro ein unsterbliches Liebespaar ersinnt, seine Geschichten haben Sogwirkung. Die Sprache ist rein und klar, der Rhythmus mitreißend, die Fantasie grenzenlos … Kai Meyer ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler im klassischen Sinne.

Seit 1993 hat er rund 50 Bücher geschrieben! Das sind rund zweieinhalb Bücher pro Jahr. Noch nie etwas von Schreibblockade gehört? Besitzt der Mann vielleicht Superkräfte? Ich wollte mehr darüber wissen und habe ihn gefragt.

In zwanzig Jahren hast du rund 50 Bücher geschrieben. Nach deiner eigenen Aussage ist das durch strenge Disziplin und frühes Aufstehen möglich geworden. Was ist mit Schreibblockaden? Oder bist du dagegen immun?

Ich kenne natürlich auch Tage, an denen es enorme Überwindung kostet, den ersten Satz zu schreiben. Das sind bei mir nicht einmal wenige, vor allem, weil ich morgens zuerst die Seiten vom Vortag korrigiere. An guten Tagen geht das einigermaßen zügig, an anderen dauert es zwei Stunden. Und je mühsamer die Korrektur ist, desto schwerer fällt es mir, mit dem neuen Text loszulegen. Aber an genau diesem Punkt muss dann die Disziplin greifen. Manchmal brauche ich den ganzen Vormittag für eine Seite – und schreibe dann neun weitere innerhalb von zwei, drei Stunden. Das bedeutet nicht, dass ich wirklich so lange an den einzelnen Sätzen schreibe, sondern nur, dass ich mich ablenken lasse. Jeder Selbstständige und Kreative kennt das: Plötzlich fällt einem ein, dass man noch diese Mail unbedingt beantworten muss oder jenen anrufen wollte. Ich fange dann oft an, Bilder umzuhängen. Klingt albern, aber damit kann ich mich stundenlang beschäftigen, wenn es gerade nicht so gut läuft. Zumal man ja auch all die unschönen Löcher wieder zumachen muss. Zum Glück habe ich fast überall weißen Putz an den Wänden.

Was nun aber die berüchtigte Schreibblockade angeht: Daran glaube ich nur bedingt. Natürlich kann es psychologische Gründe dafür geben, angefangen von Depressionen bis hin zu Trauer oder sonst was. Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass mich meine Arbeit eher von Dingen ablenkt, die mich ansonsten vielleicht bedrücken würden. Aber spätestens wenn psychische Belastungen bei Autoren krankhaft werden, ist eine Blockade verständlich. Ich bin nur nicht sicher, ob man es dann noch Schreibblockade nennen würde.

Woran ich jedoch nicht glaube, das ist die Blockade aus heiterem Himmel. Oft klingt sie für mich eher nach Faulheit, Disziplinlosigkeit oder dem Zweiten-Buch-Syndrom. Das kennt man oft von Autoren, die mit dem ersten Buch gleich einen Bestseller gelandet haben, und dann Jahre für das nächste brauchen. In den meisten Fällen dürfte das nicht daran liegen, dass sie ihre Worte so bedacht wählen, sondern schlicht an der Angst, beim zweiten Mal zu versagen.

Du entführst deine Leser in mannigfaltige Welten. Kein Buch ähnelt dem anderen. Wo holst du dir deine Inspiration?

Kai Meyer

Kay Meyer (c) Gaby Gerster

Gibt es denn einen Ort, an dem man sie abholen kann? Schön wär´s. Das meiste ist einfach plötzlich da oder entwickelt sich aus der Beschäftigung mit einem Thema. Ich kann gar nicht genau sagen: Die eine Idee kam hierher, die andere dorther und die dritte hat sich auf jene Weise entwickelt. Natürlich, bei manchem erinnere ich mich an einen konkreten Auslöser, aber das ist dann eher die Ausnahme.

Deine Bücher werden nicht nur in Deutschland gelesen, sondern auch weltweit. Man könnte sagen, dass du als Autor alles erreicht hast. Siehst du das auch so?

Nein, auf keinen Fall. Denkt irgendjemand so? „Jetzt habe ich alles erreicht!“ Das ist mir sehr, sehr fremd. Ganz im Gegenteil, ich hadere ständig damit, dass ich dieses oder jenes nicht erreiche. Tatsächlich hat sich das mit wachsendem Erfolg erst eingestellt. Am unbeschwertesten habe ich in den ersten Jahren geschrieben, als es keine Erwartungen gab, weder von mir noch von den Verlagen. Ich habe die üblichen Anfängerhonorare bekommen, die ein Verlag mühelos abschreibt, wenn ein Buch nicht gut läuft. Das ist heute anders, und manche Verlage lassen einen diese Verantwortung stärker spüren als andere.

Grundsätzlich ist es aber so, dass ich zum Glück nie in der Position war, mich verkaufen zu müssen. Ich schreibe nichts auf Anfrage oder Aufforderung, sondern immer genau das, worauf ich gerade Lust habe. Anders könnte ich mich nicht monate- oder jahrelang mit einem Thema beschäftigen. Ich weiß, dass das für einen hauptberuflichen Autor eine ziemlich privilegierte Position ist – und wenn man das als Maßstab setzt, ja, dann habe ich etwas erreicht, das mir die Arbeit sehr erleichtert. Mir ist klar, wie viel das wert ist, auch wenn ich mir das ab und an mal selbst in Erinnerung rufen muss. Wenn man etwas zwanzig Jahre lang macht, dann läuft man Gefahr, zu übersehen, wie gut es einem dabei geht. Wenn du das mit „alles erreicht“ meinst, dann ist das tatsächlich etwas, über das ich sehr froh bin.

Selfpublishing wird innerhalb der Branche kontrovers diskutiert, wobei immer mehr Verlagsautoren zweigleisig fahren, sei es wegen der Unabhängigkeit oder der höheren Tantieme. Was hältst du von Selfpublishing, und könnte es für dich irgendwann zum Thema werden?

Ich wüsste derzeit nicht, warum ich meine Bücher selbst verlegen sollte. Im Großen und Ganzen kann ich von der Marketing- und Vertriebskraft großer Verlage nur profitieren. Das schließt nicht aus, mal mit einer Originalveröffentlichung zu experimentieren, nur habe ich dazu derzeit gar keine Zeit. Ich könnte mir vorstellen, eine Novelle oder einen Kurzroman als Fortsetzung einer der erfolgreicheren Reihen – etwa „Arkadien“ oder „Die Wellenläufer“ – als Original-E-Book zu veröffentlichen. Nur müsste ich die Geschichte dann erst einmal schreiben, und ich wüsste im Augenblick nicht, wann ich das tun sollte. Das hat auch damit zu tun, dass ich noch nie ein Buch geschrieben habe, bevor ich einen unterschriebenen Vertrag vom Verlag hatte – nicht einmal mein Debüt. Vielleicht bin ich da etwas verwöhnt, keine Ahnung.

Etwas ganz anderes ist die Veröffentlichung der Backlist, also jener Titel, die derzeit von keinem Verlag mehr aufgelegt werden. Ich hatte da immer großes Glück, fast alle meine frühen Romane haben über die Jahre mehrere Verlage und diverse Neuveröffentlichungen durchlaufen. Aber bei einigen Titeln lohnt sich das einfach nicht mehr, also bringt meine Agentur sie unter ihrem eigenen E-Book-Label MiMeBooks heraus. Das ist im Grunde sehr nah am Selfpublishing, betrifft aber eben nur alte Titel, die es schon in drei, vier, fünf gedruckten Ausgaben gab.

Erst im März ist dein Roman „Phantasmen“ herausgekommen. Im Herbst folgt der nächste Coup: „Die Seiten der Welt“. Kannst du uns schon etwas darüber sagen?

„Die Seiten der Welt“ ist ein Buch über Bücher. Über die Liebe zum Buch und die Magie, die durch sie freigesetzt wird.

Bitte ergänze folgenden Satz: „Ich werte mein Buch als Erfolg, wenn …“

… sehr viele Menschen es lesen und mögen. Und wenn ich selbst damit zufrieden bin. Tatsächlich sind das zwei sehr unterschiedliche Erfolgsgefühle. Eine hohe Auflage ist ohne jeden Zweifel toll und sichert mich so weit ab, dass ich auch meine nächsten Bücher schreiben kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Zugleich gibt es aber auch dieses rein künstlerische Erfolgsgefühl: „Das hier ist das beste Buch, das ich zu diesem Zeitpunkt und zu diesem Thema schreiben konnte.“ Ich glaube, das erste ist ein Gefühl im Kopf, das zweite sitzt eher ganz tief im Bauch.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast, und weiterhin viel Erfolg!

Kai Meyer Homepage

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6 Responses to “Interview mit Kai Meyer”

  • Bewundernswert!!! Leider habe ich sehr oft Schreibblockaden bzw ich sitze dann da und bekomme keinen weiteren Satz heraus. Ich überarbeite dann das bisher Geschriebene, doch weiter bringt es mich nicht. Meist steckt dann auch eine große Lustlosig keit, gepaart mit Leere in mir, obwohl ich im allgemeinen gerne schreibe. Grüße an alle!
    Heiko

    • miriampharo

      Hallo Heiko,

      ich glaube, dass Kai Meyer ein sehr disziplinierter Mensch ist. Was die Lustlosigkeit betrifft:
      Wenn du eine Deadline einzuhalten hast und dir der Verlag im Nacken sitzt, musst du sie halt überwinden. Kai sagt ja, dass er noch nie ein Buch ohne Verlagsvertrag begonnen hat – der Glückliche! Das sieht bei den meisten Autoren anders aus, wie du weißt. Wir erschaffen etwas und hoffen, dafür einen Verlag zu finden. Da kann es zwischendurch schon mal zu einem gewissen Phlegma oder sogar zu Mutlosigkeit führen. Mit einem Vertrag in der Tasche und vielleicht sogar noch Vorschuss hat man ein konkretes Ziel vor Augen und wuselt nicht auf gut Glück vor sich hin. Sei also nicht zu streng mit dir. 😉

      Gruß zurück,

      Miriam

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