28th Mrz2013

Fear gewinnt

by miriampharo01

IMGP3765

Das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Angst?

Zwei Weltkriege, Hungersnöte, Genozide, der Kalte Krieg … War das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Angst? Glaubt man britischen Linguisten der University of Bristol, sieht es ganz danach aus. Die Forscher haben englischsprachige Literatur des letzten Jahrhunderts analysiert und festgestellt, dass die Häufigkeit von Vokabeln, die Freude oder Wut transportieren, in diesem Zeitraum abgenommen haben. Ein Gefühlszustand allerdings bildet die Ausnahme:  Angst. Ausgerechnet! „Studien zur Wortverwendung in Texten können einen Zugang zu den alltäglichen Einstellungen der Masse bieten, den die etablierte Geschichts- und Politikwissenschaft übersehen können“, sagt Alberto Acerbi von der University of Bristol. Bei ihren Forschungen konzentrierten sich Acerbi und sein Team auf sechs verschiedene Stimmungskategorien: Wut, Abneigung, Angst, Freude, Überraschung, Traurigkeit.

Forschungsobjekte: mehr als fünf Millionen digital gescannte Bücher

Um eine repräsentative Menge an amerikanischer und britischer Literatur der vergangenen 100 Jahre filtern zu können, nutzten die Wissenschaftler den Ngram-Datensatz von Google. Diese Datenbank aus mehr als fünf Millionen digital gescannten Büchern stellt rund vier Prozent sämtlicher Werke aus mehreren Jahrhunderten dar. Was nicht wirklich überrascht: Die Häufigkeit emotional positiv oder negativ belegter Begriffe lässt sich an äußeren Gegebenheiten messen. So wurden in den Zwanziger und Sechziger Jahren Wörter der Freude häufiger verwendet, während Traurigkeit gerade zur Zeit des Zweiten Weltkriegs häufiger vorkam. Verblüffender hingegen ist, dass Gefühlswörter, die Angst beschreiben, seit den Siebziger Jahren wieder ansteigen – und zwar bis ins 21. Jahrhundert hinein. Die Frage ist, warum ist das so? In einer Zeit, in der Sicherheit eine immer größere Rolle spielt. Werden wir immer neurotischer? Rührt daher unsere Zukunftsangst? Auch wenn sich die Forscher nur die englischsprachige Literatur angesehen haben, könnte ich mir vorstellen, dass es auch in der deutschen Literatur und damit in der deutschen Gesellschaft ähnliche Tendenzen gibt. Es wäre interessant, mehr darüber zu erfahren. Hand hoch, wer Zeit und Lust hat, Millionen deutschsprachiger Bücher zu analysieren!

Quellen:
“The Expression of Emotions in 20th Century Books“, Alberto Acerbi et al.; Plos One, DOI: 10.1371/journal.pone.0059030

Das Buch als Spiegel unserer Zeit, Wissenschaft aktuell

 

 

 

 

6 Responses to “Fear gewinnt”

  • Ernst Michael Schwarz

    Alles eigentlich erst mal nicht falsch. Aber wenn man im 20.Jh. (zweite Hälfte) gelebt hat sieht das etwas anders aus, auch aus heutiger Sicht. Da wird Erleben analysiert und das ist fast immer positiv besetzt, den Rest vergisst man, oder man versucht es zu mindestens. Da ist im Gehirn so eingerichtet. Wir waren radikal, meisten links immer für die Schwachen, egal ob Ost oder West. Ansonsten ging es um profane Dinge wie Liebe, Leben, Job und Einrichten -hinter- der Mauer. Angst, zumindest Existenzangst kam nicht vor. Nichts war so schlecht, dass es nicht für irgend was gut wäre. Nach vierzig Jahren als Lehrer glaube ich vielen Jugendlichen die Zukunftsangst genommen zu haben. Angstwörter kamen bei mir nicht vor. Da gibt es natürlich noch viel mehr, was zu beachten wäre. Zumal ich fast ausschließlich mit sozial schwachen Menschen zu tun hatte. Vielleicht sehe ich das alles zu optimistisch, aber nur so geht es m.E. voran. Aber eine interessante Diskussion ist da angestoßen, auch daraus kann man sicher lernen, wenn man es beachtet. Einen Versuch ist es wert.
    E.M. Schwarz

  • Worte der Angst

    Angst entsteht aus Unsicherheit und die hat eben zugenommen. Keine klare Verteilung in Rollen mehr. Keine Sicherheit mehr, seinen Job bis zur Rente zu behalten, mit einem Partner durchs Leben zu gehen. Mit unserer zunehmenden Individualisierung folgt auch die zunehmende Unsicherheit über unsere Rolle, unseren Weg im Leben, unsere Moralvorstellungen und Werte.

    Die Lösung heißt meines Erachtens Urvertrauen und damit die innere Sicherheit das unser Weg der richtige ist. Allerdings ist die Lösung nicht sich treiben zu lassen und nichts zu tun. Man muss somit auch aktiv sein Leben gestalten und dann findet man seinen Weg.

  • miriampharo

    Hallo Ernst,

    wie bist du konkret vorgegangen, um den Jugendlichen die Zukunftsangst zu nehmen? Was hast du zu ihnen gesagt?

  • miriampharo

    Hallo Wolfram,

    es gibt Menschen, die dieses Urvertrauen besitzen, und schon sehr früh wissen, was sie wollen. Beneidenswert! Allen anderen bleibt nichts anderes übrig, als Dinge auszuprobieren und auch mal über den eigenen Schatten zu springen. In der Studie heißt es, dass Begriffe für Gefühlsregungen (also nicht nur Wut oder Freude) generell zurückgehen. Vielleicht umgibt uns diese Angst wie ein Schutzwall und lässt uns innerlich abstumpfen – um es einmal überspitzt auszudrücken. Andererseits: Die Studie ist nicht das Maß aller Dinge. Zum Glück! :)

Trackbacks & Pings

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *