09th Apr2013

Interview mit Andreas Eschbach

by miriampharo01
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Foto © 2011 Marianne Eschbach

„Ich werte mein Buch als Erfolg, wenn …“

Auf den Mainstream pfeifen, vielschichtige Science-Fiction verfassen und dabei erfolgreich sein: Andreas Eschbach ist dieses Meisterstück gelungen. Sei es Das Jesus Video, Der König von Deutschland oder Eine Billion Dollar – keine Geschichte ähnelt der anderen. Wenn man es genau nimmt, trifft die Spezifikation „Science-Fiction“ nicht immer den Nagel auf den Kopf. Denn Andreas Eschbach vermischt Elemente aus unterschiedlichen Genres, verbindet Realität mit Fiktion, entführt uns mit seiner klaren Sprache in einzigartige Welten, die sich schwer definieren lassen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Bei Andreas Eschbach ist alles möglich. Und zwar diesseits und jenseits unseres Planeten.

Mein persönlicher Favorit ist der Roman Der Letzte seiner Art. Schon der erste Satz ist grandios: „Am Samstagmorgen erwachte ich blind und halbseitig gelähmt.“ Immer, wenn ich mit dem Schreiben einer Geschichte beginne, führe ich mir diesen ersten Satz vor Augen. Ja, ich gebe zu: Ich bin ein großer Fan. Andreas Eschbach gehört definitiv zu meinen literarischen Vorbildern. Umso mehr freue ich mich, dass er sich die Zeit für dieses Interview genommen hat.


Lieber  Andreas, erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, meine Fragen zu beantworten. Wie lebt es sich als deutscher Autor in der Bretagne?  

Die deutschsprachigen Buchhandlungen fehlen ein bisschen, aber der Fisch ist frischer und das Meer näher. Und da selbst Gott bekanntlich am liebsten in Frankreich lebt, ist man hier auch als Autor nicht verkehrt.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Die französische Art, mit Büchern umzugehen, ist doch sehr anders als die deutsche.“ Wie haben Sie das gemeint?

Franzosen nehmen Bücher richtig ernst und betrachten sie nicht nur als Unterhaltung in Papierform. Ein französischer Journalist würde niemals einen Autor zu seinem neuesten Buch interviewen, ohne es gelesen und gründlich darüber nachgedacht zu haben. Wenn mir in Deutschland Fragen gestellt werden, sei es in Interviews oder nach Lesungen, dann sind es zum größten Teil Fragen zu meiner Person und Arbeitsweise – wie ich auf meine Ideen komme, wie ich arbeite, wie lange ich für einen Roman brauche, wieso ich in der Bretagne lebe. So etwas ist hier die Ausnahme. Selbst wenn ich in Frankreich in eine Gymnasialklasse gehe, werden mir vorwiegend auf meine Romane gerichtete Fragen gestellt, und die meisten davon sind tiefschürfender, fundierter und interessanter als die Fragen, die einem deutsche Journalisten stellen. Von Rencontres in Frankreich kehre ich für gewöhnlich mit neuen Einsichten über meine eigenen Bücher zurück, etwas, das mir in Deutschland erst noch passieren muss.

Wenn ich richtig informiert bin, arbeiten Sie den Plot Ihrer Romane mithilfe eines A5-Notizbuchs aus. Können Sie das näher erklären?

Das heißt einfach, dass ich die wesentliche Konzeptarbeit handschriftlich auf Papier mache, nicht an einer Tastatur und nicht in einer Datei. Dass es sich um das Format A5 handelt, ist Nebensache; es ist in meinen Augen eben das handlichste Format für derlei Notizen – nicht zu groß und nicht zu klein. (Wer es ganz genau wissen will: Ich verwende ausschließlich die BRUNNEN-Student-Ringblöcke, kariert, 160 Blatt. Alle anderen Produkte haben zu dicke Linien, das irritiert mich. Und mein Kugelschreiber ist ein Waterman der mittleren Preisklasse.)

Der springende Punkt dabei ist die Handschriftlichkeit. Kugelschreiber auf Papier: Eine direktere, unmittelbarere, intuitivere und ablenkungsärmere Benutzeroberfläche gibt es nicht. Keine Irritationen durch Gedanken wie „Hmm, wie mache ich, dass X mit Y verbunden ist?“ Hinzu kommt, dass beim händischen Schreiben andere Hirnregionen aktiv werden, und das wirkt sich nochmals positiv stimulierend auf die Kreativität aus.

Als altgedientem Computerfreak missfällt mir das ehrlich gesagt eigentlich. Ich neige dazu, es anders haben zu wollen, möglichst alles am Computer zu machen, auch die Konzeptionierung. Aber das funktioniert einfach nicht so gut, muss ich immer wieder feststellen. Zwei Stunden am Abend auf der Couch mit einem Notizbuch auf dem Schoß bringen regelmäßig mehr an Einsichten, Ideen, Klarheit über den weiteren Verlauf der Handlung als zwei Arbeitstage am Computer mit einem Dutzend teurer Softwareprogramme, die „alles“ können. Deswegen bleibe ich beim Notizbuch.

Ihre Kohärenz-Trilogie handelt von den Gefahren einer allumfassenden Vernetzung wie Identitätsverlust und Verflachung der Welt. Glauben Sie, dass Ihre düstere Vision über kurz oder lang Realität werden könnte oder überspitzen Sie?

Ich hatte eigentlich durchaus vor, die Sache etwas zu überspitzen, aber je mehr Zeit verstreicht, desto mehr denke ich, ich war vielleicht eher zu vorsichtig. Vielleicht wird man in zehn Jahren sagen, der Roman sei prophetisch gewesen. Und vielleicht wird in zwanzig Jahren niemand mehr da sein, der Romane liest …

Wir leben in einer Zeit, in der sich unsere Art zu denken, die Welt und uns selbst zu verstehen und wahrzunehmen grundlegend wandelt – und es findet zwischen kindlicher Spiellust auf der einen und simplen kommerziellen Zielen auf der anderen Seite bestürzend wenig fundierte Reflexion darüber statt, was da eigentlich passiert.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie das wird, wenn nun die Google Glasses die Welt erobern. Falls sie das tun, was aber wahrscheinlich ist. Und was dann der nächste Schritt sein wird.

Am 17. Mai erscheint Ihr vierter Perry Rhodan Roman mit dem Titel „Techno-Mond“. Wie kam es zu der erneuten Zusammenarbeit und können Sie in ein, zwei Sätzen beschreiben, was den Leser erwartet?

Ach, ich stehe immer ein bisschen in Kontakt mit Klaus Frick, und ab und zu fragt er mich eben, ob ich nicht wieder mal Lust hätte. Und ab und zu habe ich Lust. So kommt es dann jeweils zu einem neuen Gastroman – ganz einfach. Wobei einen Hunderterband zu schreiben natürlich eine besondere Ehre ist. Ich habe es aber nicht deswegen gemacht; ich hätte auch jede andere Nummer genommen. Dass ich Band 2700 schreibe, als den Einstieg in den neuen Zyklus, war Wunsch der Redaktion.

Wobei ich ja eigentlich nur das vorgegebene Exposé – das man sich bei einem Einstiegsband  ganz besonders ausführlich vorstellen darf – in Handlung umsetze und ein bisschen ausschmücke. Zur Handlung selber will ich mal lieber nichts vorweg ausplaudern, aber ich kann verraten, dass man ein bisschen den privaten Rhodan kennenlernen wird und, unter anderem, eine Antwort auf die Frage bekommt: Was macht Perry Rhodan eigentlich in seiner Freizeit?

 Bitte ergänzen Sie folgenden Satz: Ich werte mein Buch als Erfolg, wenn …

… wenn mein Verlag damit mehr Geld verdient, als er mir zahlen muss. Weil das die Grundlage dafür schafft, dass ich frei bleibe, das nächste Buch so zu schreiben, wie ich denke, dass es sein muss.

Andreas Eschbach Homepage

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