23rd Sep2014

I’ll be back, ElsterCon!

by miriampharo01

Boris und Christian_Stefan Kassler

Vom 19.bis 21.September fand in Leipzig zum 12. Mal der ElsterCon statt, der alle zwei Jahre vom Freundeskreis Leipzig organisiert wird. Ich hatte die große Freude, dort Ehrengast zu sein.

In der Szene schwärmen alle zu Recht vom ElsterCon, einer familiären und gleichzeitig hochkarätigen Veranstaltung rund um das Thema Fantastik und Science-Fiction, die im wunderbaren Haus des Buchs in Leipzig stattfindet. Bereits bei der Ankunft sah ich viele bekannte Gesichter, und obwohl es mein erster Besuch war, habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Eine Überraschung der angenehmen Art war, als ich Jürgen Schütz vom Wiener Septime Verlag traf, der seine James Tiptree Jr. Biographie vorgestellt hat (beim Septime Verlag ist meine Kurzgeschichte „Der letzte Cowboy“ erschienen).

Haus des Buchs Die üblichen Verdächtigen
Bei der Eröffnung am Freitagabend wurde das traditionelle Video zu den Ehrengästen der bisherigen ElsterCons gezeigt, anschließend stellten Boris Koch und Christian von Aster, beide sind unter anderem Autoren der SF-Serie „Justifiers“, im Rahmen eines humorvollen Vortrags die Ehrengäste vor. Passend zum Motto des diesjährigen Cons „Tatort Zukunft“ war eine Leiche gefunden worden – die Realität. Daraufhin stellte sich die Frage nach dem Täter. Verdächtigt waren, wie könnte es anders sein, die Ehrengäste: Philip Kerr (GB), Lavie Tidhar (GB), Ian Tregillis (USA), Edward Lee (USA), Jean-Marc Rochette (F), Julie Phillips (USA), Robert Corvus, Uwe Schimunek, Karlheinz Steinmüller, Dirk van den Boom, Christian von Ditfurth und meine Wenigkeit. Ein Motiv hatten alle, aber verblüffenderweise leugnete nur einer die Tat.

Vom Wesen des Wummerlumps

Christian_Stefan KasslerZum Glück wurden wir am Ende vom Verdacht freigesprochen und in die Freiheit entlassen. Eine Freiheit, die ich nutzte, um der einstündigen Lesung von Christian von Aster beizuwohnen, der trotz Erkältung mit eindrucksvoller Stimme drei seiner Kurzgeschichten zum Besten gab. Ein humoristisches Highlight! Dabei ging es unter anderem um fußballfanatische Franziskanermönche aus dem Loisachtal und um das Märchen von Rumpel Stilzchen aus anwaltlicher Sicht – und um die Erkenntnis, dass derjenige, der schwer malocht letztlich der Gelackmeierte ist! Gewürzt wurde das Ganze mit Beispielen aus der Alsterschen Kryptozoologie. Zum Glück! Sonst hätte ich nie von der Existenz des Hummerhais, des Wummerlumps oder des Nix erfahren.

„Man is a killer“

Am Samstag standen spannende Diskussionen auf der Tagesordnung. Im Forum „Tatort Zukunft“ diskutierten Philip Kerr, Christian von Ditfurth, Henner Kotte und Lavie Tidhar über die Natur des Verbrechens. Souverän moderiert und übersetzt wurde das Ganze von Dirk van den Boom. Es zeigte sich, dass die Meinungen weit auseinander gingen.

Bernd Robker_Tatort ZukunftAuf die Frage, worin die Faszination des Mordes liegt, antwortet Philip Kerr: „Man begeht Verbrechen auf legale Weise“ und „der Mensch ist ein Killer“, während Christian von Ditfurth „Mord als maximales Tabu“ ansieht, etwas, „dass evolutionstechnisch früher normal war, heute aber nicht mehr, daher auch die Faszination.“ Über Morde zu schreiben und zu lesen, „ist eine Kompensation“. Lavie Tidhar hingegen empfindet Mord als langweilig, „viel spannender ist die Suche nach einer vermissten Person.“ Wie sich herausstellte, hat Christian von Ditfurth ein besonders Verhältnis zu seinen mordenden Figuren. „Je mehr Krimis ich schreibe, desto sympathischer werden mir meine Mörder, und am liebsten würde ich sie laufen lassen.“

Sex crimes à la Orwell

Interessanterweise sieht Philip Kerr beim Töten keinen Unterschied zwischen Polizisten und Verbrechern. Bei der Frage nach neuen Verbrechen nannte er sex crimes à la Orwell. Als Beispiel nannte er einen Mann, der zurzeit in Großbritannien vor Gericht steht, weil er vor dreißig Jahren die Brust eines Mädchens berührt hat. Einbrüche in seiner Heimat müssten die Opfer selbst aufklären, weil die Polizei damit beschäftigt wäre, persönliche Beleidigungen auf Twitter zu verfolgen.

Nach dieser sehr interessanten Diskussion habe ich mir eine Auszeit auf der begrünten Terrasse des Hauses des Buchs genommen. Ein schöner, inspirierender Ort mit Kastanienbaum und Trauerweide. Dort konnte ich Energie tanken, bevor meine eigene Lesung begann, die von Sabine Seyfarth klasse moderiert wurde. Trotz der Parallelveranstaltung mit Bestsellerautor Edward Lee waren viele Zuhörer gekommen. Dass Autorenlesungen moderiert werden, hat mir am ElsterCon besonders gefallen, denn dadurch entwickeln sich interessante Diskussionen rund um Buch und Autor. Die jeweiligen Moderatoren bereiten sich vor, lesen vorab die Bücher und stellen zwischen den Auszügen Fragen, was meines Erachtens fürs Auditorium eine echte Bereicherung ist.

Jean-Marc_Stefann KasslerJean-Marc Rochette und der „Snowpiercer“ Anschließend machte ich einen Abstecher ins Café und traf dort Jean-Marc Rochette, einen französischen Künstler und Illustrator aus Grenoble, der zurzeit in Berlin lebt. Er ist der Zeichner der postapokalyptischen „Schneekreuzer“-Trilogie, die jüngst unter dem Titel „Snowpiercer“ mit Chris Evans, Tilda Swinton und Ed Harris verfilmt wurde. Dabei geht es um einen Zug mit den letzten Überlebenden der Menschheit, der durch das ewige Eis rast und niemals anhält. Der Comic stammt aus dem Jahr 1984, wurde aber erst 2005 vom koreanischen Regisseur Bong Joon Ho entdeckt. Jean-Marc war mit am Film beteiligt und steuerte unter anderem einige Zeichnungen bei. Seitdem, so erzählte er mir, hat sich sein Leben grundlegend verändert.

Hundefotos und mehr

Alle Welt reißt sich um ihn, und nun werden nach Jahren der Dürre seine Zeichnungen und Gemälde in großen Galerien ausgestellt. Am 4. Oktober nimmt er an einer Veranstaltung im Egyptian Theatre in Los Angeles statt, bei der „Snowpiercer“ und ein Dokumentarfilm über Jean-Marcs Werdegang vorgestellt werden. Der Illustrator ist auch leidenschaftlicher Kletterer und großer Hundeliebhaber, und so blieb  nicht aus, dass wir versucht haben, uns mit Fotos und Anekdoten unserer treuesten Freunde gegenseitig auszubooten. Natürlich habe ich mir ein signiertes Exemplar der „Schneekreuzer“-Trilogie besorgt.

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Was ist ein Anti-Held?

Danach begaben wir uns zur letzten Veranstaltung zum Thema „Anti-Helden“, das von dem liebenswerten Autor Robert Corvus moderiert wurde. Außer Jean-Marc und mir, der mich zwischenzeitlich darum gebeten hatte, als seine Übersetzerin zu fungieren, nahmen noch Ian Tregillis und Lavie Tidhar teil. Schnell waren wir uns einig, dass Anti-Helden spannendere Figuren sind als Superhelden, allerdings standen wir während der Diskussion vor dem Problem, den Typus Anti-Helden eindeutig zu definieren – wie auch die Fragen aus dem Auditorium bewiesen. Was unterscheidet den Anti-Helden vom normalen Helden oder gar vom Bösewicht? Da hatte jeder eine andere Vorstellung. Klar war, dass er eher aus egoistischen Gründen handelt als der selbstlose Superheld.

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Schneekreuzer_ComicTabu oder nicht Tabu
Als es um die Frage ging, ob die Autoren bei den Handlungen ihrer Anti-Helden Grenzen ziehen, ob es Tabus gäbe, meinte Ian, dass Kinder für ihn tabu wären. Hingegen erzählte Jean-Marc, dass der Anti-Held Proloff in „Schneekreuzer“ bereit wäre, eine Mutter zu töten, nur um ihr Kind essen zu können. Der Schock im Auditorium war deutlich spürbar. Prickelnderweise fügte er hinzu, dass Proloff im Film von Chris Evans gespielt wird, der auch Captain America gemimt hat – der Inbegriff des makellosen Superhelden.

Ein gemütlicher Ausklang

Nach diesem spannenden Austausch ließen alle den Abend gemütlich am Büffet ausklingen. Das Essen war äußerst lecker und die Gesellschaft charmant. Was mir bei der Veranstaltung auffiel: Science-Fiction Fans interessieren sich beileibe nicht nur für das Morgen, sondern diskutieren leidenschaftlich gern über das Hier und Jetzt. Facebook, NSA und Kapitalismus waren äußerst beliebte Themen!

ConBuch_ElsterCon 201210711302_747491748654481_819059457_nObwohl ich abends todmüde ins Bett gefallen bin, zumal ich gesundheitlich etwas angegriffen war, konnte ich es mir nicht nehmen, im Conbuch zu blättern – und schwupps war es 1 Uhr nachts, als ich endlich das Licht ausgemacht habe!

Zum Schluss möchte ich den Organisatoren ganz herzlich für den warmherzigen Empfang und das tolle Programm danken, speziell Manfred Orlowski und Thomas Braatz samt seiner bezaubernden Familie. Es war sicherlich nicht mein letzter ElsterCon-Besuch. I’ll be back!
Offizielle ElsterCon-Website

 

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